Überschreitung der Jägerkarspitzen von der Inneren Rigelkarspitze

23.09.2018

Der Wetterbericht verspricht für den Vormittag noch ein paar Tropfen, die im Tagesverlauf abziehen sollen. Dafür starker Wind mit Sturmböen. Genau das richtige für eine kleine Gratüberschreitung!

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Auf der Autobahn pisst es noch ordentlich, aber bereits um 6:00 Uhr am Treffpunkt in Sindelsdorf hört es allmählich zu regnen auf. Das lässt hoffen!

Wir fahren von Scharnitz mit dem Rad bis kurz vor die Möslalm. Dann geht es um 8:30 Uhr auf dem Weg zum Hohen Gleirsch ins Rigelkar. Den Weg habe ich hier schon beschrieben.

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Eine junge Einheimische.

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Die schöne Erlspitze wartet auch noch auf eine Überschreitung der Bröselfreaks!

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Im hinteren Rigelkar.

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Schier endlose Schutthalden.

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Ein bisschen blauer Himmel ist zu erahnen.

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Etwa in der Mitte geht es die Rinne rauf. Dann nach rechts den Grat entlang.

Zunächst steigen wir auf die Innere Rigelkarspitze. Die hatte ich mir ja vor ein paar Wochen schon angeschaut. Durch die brüchige Rinne kletter wir bis UIAA II hinauf. Vom vielen Regen der letzten Nacht rinnt einiges an Wasser durch die Rinne, was das Klettern nicht gerade leichter macht. Und den Fels leider auch nicht stabiler.

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Wir queren aus dem Schutt in die Rinne.

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Philipp im unteren Teil der Rinne.

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Etwa in der Mitte der Rinne.

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Hier kann man gut erkennen, wie nass der Fels ist. Sehr unangenehm.

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Dennoch haben wir viel Freude dabei!

Am Ende der Rinne angelangt, steigen wir nach links auf einem Schuttband aus. Der Kamin am Ende ist immer noch zu eng für uns. Einfach queren wir etwa fünfzig Meter über das Schuttband, bis wir zum Gipfel aufsteigen können. Hier oben am Grat schlägt uns der Wind brutal ins Gesicht. Sofort wird die gefühlte Temperatur ein paar Grad kälter.

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Hier könnte man unter dem Grat auf die Nordseite durchkriechen.

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Auf dem Schuttband.

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In der Nordflanke.

Wir steigen in die Nordflanke. Dort finden wir im Lee ein schönes Platzerl um endlich zu frühstücken. Es ist 11:30 Uhr und somit haben ab dem Radldepot ziemlich genau drei Stunden gebraucht. Es ist doch eine recht lange Strecke durch das Schuttkar bis man endlich an der Felswand steht. Nun wird erstmal ordentlich aufgeschnitten und auf den Hauptkamm rübergeglotzt.

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Für Ganesha gibt es eine kleine Puja.

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Tolle Aussicht zum Frühstück.

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Tolles Frühstück zur Aussicht.

Kurz nach zwölf packen wir zusammen und schüren weiter. Auf dem Grat zwingt mich eine Sturmböe fast in die Knie. Der Wind ist so stark, dass wir uns warm einpacken müssen und uns teilweise nur mehr brüllend unterhalten können.

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Der Grat zur Nördlichen Jägerkarspitze.

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Oft queren wir in der brüchigen Nordflanke.

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Unsere Aufstiegsrinne durch den Kamin betrachtet.

Im Wesentlichen folgen wir nun dem Grat. Spitze Türme umgehen wir in der Nordflanke. Der Fels ist hier kleinsplittrig und beadrf äußerst diffiziler Handhabung. In seiner Morschheit übertrifft er in meinen Augen sogar den Grat an der Brantlspitze, den verfaulenden Berg.

Nach jedem Quergang klettern wir wieder ausgesetzt zum Grat hinauf, dem wir folgen, bis sich der nächste Turm in den Weg stellt. Dann wieder in die Flanke. Immerhin ist es hier windstill.

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Philipp klettert ausgesetzt zum Grat hinauf.

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Steil und brüchig fällt die Nordflanke fast senkrecht ins Isartal ab. Ein Sturz wäre hier nicht mehr zu halten.

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Rückblick in die ersten paar Meter von der Rigelkarspitze.

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Die nächste Kletterstelle.

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Steil auf den nächsten Turm hinauf.

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Und über den scharfen Grat, der schon beim Anschauen zerbröselt. Hier ist der Sturm wirklich wieder ein Problem. Schade, dass man auf dem Foto den Wind nicht sehen kann…

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Wir peilen den nächsten Aufschwung an.

Wir stehen mal wieder in der steilen Nordflanke. Phillip steigt etwa fünf Meter vor und zwei Meter über mir. Hängt knapp unter dem Grat. Ich entscheide mich für eine minimal abweichende Route und überlege gerade wie es weitergeht. Da knackt es über mir. Sonst kein Laut. Kein Schrei und kein Fluch. Ich sehe direkt vor mir Philipp rückwärts durch die Luft stürzen! Zwischen seinen Beinen fliegt der Felsbrocken von der Größe eines Basketballs, der ihm aus der Wand gebrochen ist.

Die Zeit scheint still zu stehen. Adrenalin pumpt durch unsere Venen und ich bekomme trotz bester Gesundheit spontan siebzehn Herzinfarkte. Vor dem geistigen Auge sehe ich meinen lieben Freund schon leblos die Nordwand hinabstürzen und mehrmals aufschlagen. Handlungsunfähig keuche ich zweimal „Philipp!“

Und dann ist der Spuk auch schon vorbei. Der Felsklumpen rasselt in die Tiefe und mein Kamerad steht komplett unverletzt einen Meter unter mir und krallt sich an der Wand fest. Er ist drei Meter tief gestürzt und steht ebenfalls drei Meter enfernt von der ausgebrochenen Stelle. Irgendwie hat er es im Sturz geschafft, sich trotz Rücklage zu drehen und ist auf dem einzigen tieferen Schutthaufen gelandet, der hier in der Wand herumliegt. Das hat seine Sturzenergie geschluckt und durch den kurzen Rutscher den Fall abgebremst.  Ich bin schockiert.

Der Philipp scheinbar weniger. Nur ein kurzer Kommentar, er hätte diesen vermaledeiten Griff geprüft und für fest befunden und schon sind wir wieder unterwegs. Mit sitzt der Schreck noch lange in den Knochen, was ich auch daran merke, dass ich ersmal keine Fotos mehr mache.

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Kurz nach dem Unfall.

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Durch eine Rinne wieder auf den Grat.

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Steil zieht die Rinne bis zur Isar.

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Hier gine der Normalweg auf die Jägerkarspitzen. Eine wenig einladende Rinne.

Wie auf rohen Eiern schleichen wir nun hochkonzentriert weiter. Der einzige Unterschied, den ich an Philipp sehe, ist der Umstand, dass ich zunächst wieder die Führung übernehme und er sich öfter versichert, ob der Weg gut ist.

Von Weg kann hier allerdings nicht die Rede sein. Es gibt keinerlei Besteigungsspuren und kein einziges Steinmannderl. Von unserer erlernten Intuition geleitet folgen wir weiter dem Grat, der bald etwas flacher und plattiger wird. Die Ausgesetztheit wird immer erträglicher und das Steigen ein Vergnügen. Allmählich weicht der Schrecken von uns und wir könne wieder genießen.

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Der Grat wird hier nun flacher und leicht.

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Rückblick auf unseren Übergang.

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Hoch über dem Rigelkar geht es nun einfach empor. Im Hintergrund die Zugspitze.

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Blick ins weite Rigelkar. Hier wird klar, warum wir zweieinhalb Stunden bis zum Einstieg benötigt haben.

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Schön zu sehen, wie steil es hinter Philipp runter pfeift.

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Der Barthgrat.

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Die letzten Meter zur Nördlichen Jägerkarspitze.

Viertel nach eins stehen wir dann auf der Nördlichen Jägerkarspitze. Eine gute Stunde haben wir von der Rigelkarspitze hierher gebraucht. Der Übergang war nicht besonders schwierig. Aber aufgrund der unklaren Wegführung und des enorm kleinsplittrigem brüchigen Gesteins sehr heikel und zeitaufwändig zu gehen.

Der Sturm peitscht die niedrigen Wolken unbarmherzig nach Osten weiter. Nicht gerade einladend für eine Pause. Doch ein wenig müssen wir dennoch innehalten. Zu sehr beeindruckt das Panorama. Nach Norden brechen die Wände nahezu senkrecht ins Isartal. Der gesamte Karwendelhauptkamm reiht sich vor uns auf von der Pleisenspitze im Westen bis zum Hochnissl im Osten. Die Hallerangeralm scheint herüber und lockt mit einem (für heute unerreichbaren) Schnitzel.

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Die beeindruckende Nordwand der Praxmarerspitzen. 1942 von Hermann Buhl durchstiegen.

Nördliche Jägerkarspitze

Eine knappe Viertelstunde schauen wir blöd in der Gegend herum. Kaum können wir uns sattsehen an dieser Ödnis. Dann ziehen wir aber weiter, ein Stückchen liegt noch vor uns, wenn wir auch das schlimmste schon hinter uns haben. Der Rest ist Vergnügen.

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Blick zur Mittleren Jägerkarspitze.

Über abschüssige, unangenehm zu gehende Schuttbänder queren wir durch die Westflanke. Über ein kleines Türmchen gelangen wir auf eine plattige Rampe, die uns einfach zum Rinnenausstieg vom Normalweg führt.

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Auf dem abschüssigen Band.

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Rüber gehts zur Scharte.

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In der Scharte zwischen Nördlicher und Mittlerer Jägerkarspitze. Den steilen Abbruch umgehen wir auf dem Band nach rechts.

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Abstieg von der Nördlichen Jägerkarspitze.

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Im rechten Bildteil unser Aufstieg.

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Blick zurück zum Übergang von der Nördlichen Jägerkarspitze. Schaut von hier grusliger aus als es ist.

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Weils so schön ist, nochmal der Grat vom Hohen Gleirsch zur Jägerkarspitze.

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Der Barthgrat.

Etwa zwanzig Minuten brauchen wir für den Übergang zur Mittleren Jägerkarspitzen. Auch hier halten wir uns nicht lange auf und gehen nach ein paar Fotos weiter zur Südlichen Jägerkarspitze. Der Weg folgt dem Grat oder knapp daneben und dauert etwa eine Viertelstunde.

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Pleisen- und Larchetkarspitze.

Mittlere Jägerkarspitze

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Übergang von der Mittleren zur Südlichen Jägerkarspitze.

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Die Südliche Jägerkarspitze.

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Kleine Türme werden in der Flanke umgangen oder bei Bedarf luftig überklettert.

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Links vorne die Praxmarerkarspitze, mittig der schöne Roßkopf. Rechts die Stempeljochspitzen.

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Blick zurück zur Mittleren Jägerkarspitze.

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Auf der Südlichen Jägerkarspitze suchen wir ein Platzerl im Lee, das kaum zu finden ist. Ganz ohne Wind geht es hier nicht. Dennoch wollen wir hier die erste Pause seit der Rigelkarspitze und die zweite des Tages überhaupt machen.

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Nach der Pause brechen wir um viertel vor drei auf. Über den gutmütigen Südgrat steigen wir ab. Meist geht es über brüchige Schrofen. Nur selten müssen wir mal ein paar kleine Stellen abklettern. Hier finden sich tatsächlich auch ein paar Steinmänner, die sich weiter unten aber wieder verlieren.

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Der Südgrat.

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Anspruchsvolles Gehgelände.

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Kurze Passagen zum Abklettern.

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Warum auch immer, aber hier hängt ein Seil herum.

Etwa eine dreiviertel Stunde brauchen wir, um den Grat herunter zu kommen bis ins steile Wiesengelände „In den Flecken“. Eine weitere gute halbe Stunde queren wir nun oberhalb der Latschengrenze nach Osten in Richtung Pfeishütte bis wir zum Durchschlupf „Bei der Porten“ kommen. Obwohl wir keine Versteiger haben auf der ganzen Tour, zieht es sich hier nochmal ordentlich. Das schlimme ist auch, dass wir alles, was wir jetzt nach Osten laufen, im Tal wieder zurück nach Westen müssen.

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Endlich finden wir ein paar Steigspuren.

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Oben die Pfeis, unten der Jägersteig, der zur Forststraße führt.

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An der Porten.

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Der Abstieg zieht sich gewaltig. Es dauert ewig bis wir endlich auf der Forststraße ankommen. Dann laufen wir noch ein knappe Stunde die vier Kilometer zur Möslalm. Hier gibt es leider nur noch Kürbissuppe und Kuchen. Beides aber ist gut. Dann mit dem Rad zurück zum Auto.

In der Summe waren es am Ende knapp 40 Kilometer und etwa 2300 Höhenmeter. Ausreichend für eine Tagestour in diesem anspruchsvollen Gelände. Eine wirklich wilde Tour mit Einsamkeitsgarantie. Zum Nachmachen aber nur mit viel Erfahrung im Bruch empfohlen. Über den Südgrat auf die Jägerkarspitzen wäre wesentlich einfacher.

 

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2 Antworten zu “Überschreitung der Jägerkarspitzen von der Inneren Rigelkarspitze

  1. Pingback: Von der Äußeren Rigelkarspitze zum Hohen Gleirsch | Broeselfreaks·

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